Pressekonferenz 2019

Prof. Dr. Karl Heinz Emmerich

Es gibt viele Gründe für überfließende Tränen

Kurzfassung

Den griechischen Begriff Epiphora verwenden Augenärzte für das Tränenträufeln –
ein Symptom, das sowohl bei Kindern als auch im fortgeschrittenen Alter auftreten kann.
Zum Tränenträufeln kommt es, wenn Tränenproduktion und -abfluss im Missverhältnis
zueinander stehen. Die Ursachen hierfür können ganz verschieden sein.
Wird das Auge gereizt – ein klassisches Beispiel ist das Schneiden von Zwiebeln – oder liegen emotionale Ereignisse vor, dann kann die Tränenproduktion vorübergehend ansteigen und man weint. Von Epiphora ist hingegen die Rede, wenn die Tränen dauerhaft aus dem Auge fließen, auch wenn kein besonderer Reiz vorliegt.
Wenn die Zusammensetzung des Tränenfilms gestört ist, dann passiert es leicht, dass die Tränen aus dem Auge fließen. Dies ist – auch wenn es paradox erscheint – eine häufige Form des Trockenen Auges, auch bekannt als „trockenes, feuchtes Auge“. Es kann jedoch auch sein, dass die Wege, über die die Tränen normalerweise abfließen, verengt oder verstopft sind (Stenose). Lidfehlstellungen können ein weiterer Grund des Problems sein.
Für den Abfluss der Tränen aus dem Auge sorgt normalerweise ein komplexes System.
Am inneren Augenwinkel befinden sich in den Unter- und den Oberlidern die Tränenpünktchen. Jedes Mal, wenn sich das Auge schließt, öffnet sich das Tränenpünktchen wie ein Fischmaul. Auf diese Weise wird etwas Flüssigkeit aus dem sogenannten Tränensee im Bereich des Unterlids angesaugt, die dann weiter durch die Tränenkanälchen, den Tränensack und den Tränen-Nasen-Gang abfließt. Die Tränenkanälchen und der Tränensack sind von einem spiralförmigen Muskelgeflecht umgeben, das sich beim Lidschluss zusammenzieht und die Flüssigkeit in Richtung Nase befördert. Dieses ableitende System nennt man Tränenpumpe. Im Verlauf der Tränenwege gibt mehrere Winkel und Verengungen – hier kann es, beispielsweise bei einer Entzündung, leicht zu einer teilweisen oder vollständigen Stenose kommen.
Augenärzte untersuchen zunächst die Lidstellung, die Tränenpünktchen und die vorderen Augenabschnitte, wenn Patienten über Epiphora klagen. Ergibt sich der Verdacht, dass die Tränenwege verengt oder verstopft sind, dann erfolgen unter lokaler Betäubung eine Sondierung und eine Spülung mit einer stumpfen, feinen Sonde. Mit Ultraschall- oder Röntgenuntersuchungen kann die Größe des Tränensacks ausgemessen werden. Seit Mitte der 1990er Jahre besteht die Möglichkeit, die Tränenwege mit einem Endoskop von innen zu untersuchen. Für die Endoskopie der Tränenwege ist eine Vollnarkose des Patienten notwendig. Dieses Verfahren hat das Wissen über die Erkrankungen der Tränenwege und die Behandlungsmöglichkeiten grundlegend verändert und erweitert.
Relativ häufig sind Säuglinge von Tränenwegsstenosen betroffen. Sie können jedoch auch in jedem anderen Lebensalter auftreten. Von einer konservativen Behandlung über eine Spülung der Tränenwege bis hin zu operativen Eingriffen steht ein breites therapeutisches Spektrum zur Verfügung.
Vor allem bei älteren Menschen kommt es zu Fehlstellungen der Augenlider, die auch Auswirkungen auf die Tränenpumpe haben. Das Tränenpünktchen kann dann beim Lidschluss nicht mehr in den Tränensee eintauchen. Mit einem chirurgischen Eingriff am Unterlid lässt sich hier Abhilfe schaffen.