Pressekonferenz 2017

Prof. Dr. Nicolas Feltgen

Von einem Moment auf den anderen blind

Kurzfassung

Von einem Moment auf den anderen erblindet das Auge - ohne Vorwarnung, ohne Schmerzen, als würde es einfach "abgeschaltet". Die Krankheit, die hinter diesem bedrohlichen Symptom steckt, ist zwar selten, aber alles andere als harmlos: der retinale Arterienverschluss (RAV). Wenn eine die Netzhaut versorgende Arterie verschlossen wird, tritt schon nach wenigen Stunden ein nicht wieder gut zu machender Schaden ein.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG), die Retinologische Gesellschaft (RG) und der Berufsverband der Augenärzte (BVA) haben eine evidenzbasierte S2-Leitlinie erarbeitet, die das verfügbare Wissen über die Diagnostik und die Therapie des RAV bündelt.

Unter 10000 Patienten in augenärztlicher Behandlung finden sich zwischen einem und 15 Menschen mit einem RAV. Am häufigsten tritt er im Alter zwischen 65 und 70 Jahren auf. Mit steigender Alterung der Gesellschaft ist daher damit zu rechnen, dass die absolute Zahl an retinalen Arterienverschlüssen steigen wird. 90 bis 95 Prozent der RAV gehen - wie ein ischämischer Schlaganfall - auf eine Embolie zurück. Bei etwa fünf Prozent der Patienten verursacht eine Entzündung der Schläfenarterien, eine Arteriitis temporalis, den Gefäßverschluss.

Nur wenige Menschen wissen um die Krankheit und gehen sofort bei den ersten Symptomen zum Augenarzt. Dabei haben Therapieversuche, wenn überhaupt, nur in den ersten Stunden nach dem Verschluss Aussicht auf Erfolg. Leider gibt es keine etablierte Standardtherapie für den RAV. Den meisten Patienten müssen die Augenärzte mitteilen, dass der entstandene Sehverlust nicht mehr mit therapeutischem Handeln rückgängig gemacht werden kann. Es besteht lediglich eine geringe Hoffnung auf eine gewisse spontane Besserung in den ersten Tagen nach dem Ereignis.

Eine gründliche Diagnostik ist jedoch von größter Bedeutung für die Sekundärprävention, um weitere Schäden zu verhindern. Wenn eine Embolie den RAV ausgelöst hat, besteht die Gefahr, dass kurz darauf ein weiterer Schlaganfall mit möglicherweise noch gravierenderen Auswirkungen folgt. Deshalb ist es eventuell sinnvoll, den Patienten für einige Tage stationär aufzunehmen - idealer Weise in einer spezialisierten Station wie einer Stroke Unit - um die zugrundeliegenden kardiovaskulären Risikofaktoren abzuklären und zu behandeln. Ist eine Arteriitis temporalis die Ursache, so darf das auf keinen Fall übersehen werden und die Entzündung sollte mit hoch dosiertem Kortison behandelt werden. Ansonsten könnte innerhalb kurzer Zeit auch das zweite Auge erblinden.

Augenärzte können Patienten mit RAV als Lotsen durch das diagnostische Dickicht begleiten. Auch wenn die Visusprognose schlecht ist, ist es unabdingbar, sich beharrlich für die Patienten einzusetzen.