Pressekonferenz 2017

Prof. Dr. Bernd Bertram

Herausforderung und Chance

Augenärzte stellen sich den Ansprüchen einer alternden Gesellschaft

Der demographische Wandel ist im vollen Gange, die Gesellschaft altert. Wie keine andere Facharztgruppe spüren und sehen Augenärzte diese Entwicklung tagtäglich in ihren Praxen und in den Augenkliniken: Mehr als 40 Prozent ihrer Patienten sind mittlerweile 70 Jahre alt oder älter. Die Menschen in dieser Altersgruppe sind besonders häufig von chronischen Augenerkrankungen betroffen, die eine kontinuierliche und aufwändige Betreuung erfordern. Deshalb ist der demographische Wandel für die Augenheilkunde eine große Herausforderung. Mit dieser Herausforderung sind jedoch auch spannende Perspektiven verbunden: Ältere Menschen wissen den Wert ihres Augenlichts zu schätzen, sie kommen motiviert, gut informiert und mit hohen Ansprüchen zu ihrem Augenarzt. Dank großer Fortschritte in den vergangenen Jahren gelingt es immer besser, diesen Ansprüchen gerecht zu werden und das Sehvermögen zu erhalten. Insgesamt erlebt die Augenheilkunde eine Aufwertung.

7,7 Millionen zusätzliche Behandlungsfälle bis 2030

81,6 Millionen Menschen leben nach Angaben des statistischen Bundesamts in Deutschland, 23 Prozent von ihnen sind zwischen 60 und 80 Jahren alt, fünf Prozent älter als 80 Jahre. 2030 wird der Anteil der 60 bis 80-Jährigen bei 28 Prozent liegen, und sieben Prozent der Menschen werden über 80 Jahre alt sein [1]. Für Augenärzte ist damit absehbar, dass ihre Kompetenz immer stärker gefragt ist. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Lesebrille, die die allermeisten Menschen mit Einsetzen der Alterssichtigkeit benötigen – vielmehr treten Augenerkrankungen, die das Sehen bedrohen, mit zunehmendem Alter immer häufiger auf: Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD), die Katarakt (Grauer Star) und das Glaukom (Grüner Star). Bis zum Jahr 2030 rechnen Augenärzte mit 7,7 Millionen zusätzlichen Behandlungsfällen aufgrund altersbedingter Augenkrankheiten.
Nur bei einer Katarakt lässt sich das Problem, die Linsentrübung, mit einer einmaligen Behandlung dauerhaft beheben: Im Verlauf einer in der Regel ambulanten Operation wird die trüb gewordene Linse durch ein klares Implantat ersetzt. Patienten mit AMD oder Glaukom hingegen leiden an chronischen Erkrankungen. Sie kommen regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen in die Augenarztpraxis, immer wieder muss überprüft werden, ob die Behandlung angepasst werden muss.

Neue diagnostische und therapeutische Verfahren

Neben der wachsenden Zahl an älteren Patienten sorgt auch die Innovationskraft der Augenheilkunde für einen steigenden Bedarf: In den vergangenen Jahrzehnten haben neue diagnostische und therapeutische Verfahren dafür gesorgt, dass Menschen, die noch vor 20 Jahren nicht durch Augenärzte vor der Erblindung bewahrt werden konnten, heute ihre Sehkraft behalten. Insbesondere die Optische Kohärenztomographie und die IVOM (intravitreale operative Medikamentengabe, die Injektion von Medikamenten ins Augeninnere) haben den Alltag in den Augenarztpraxen grundlegend verändert. Allerdings ist der damit verbundene Aufwand zum Teil erheblich. Und so zeichnet sich die Augenheilkunde durch eine besonders hohe Anzahl an Arzt-Patienten-Kontakten aus: Jeder vierte Deutsche sucht pro Jahr mindestens einmal einen Augenarzt auf, in der Altersgruppe ab 60 Jahren ist es sogar jeder zweite. Gerade in der Augenheilkunde spielt die Grundversorgung daher eine enorm wichtige Rolle.

Terminservicestellen: Großer Aufwand, geringe Nachfrage

Mit großem Aufwand hat die Bundesregierung Anfang 2016 die Einrichtung von Terminservicestellen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen durchgesetzt. Sie sollen Patienten dabei helfen, innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt zu bekommen. Nach Angabe der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wurden in den ersten zwölf Monaten bundesweit weniger als 120000 Termine vermittelt – angesichts 580 Millionen ambulanter Behandlungsfälle eine geringe Zahl. Tendenziell, so die KBV, waren vor allem Termine bei Neurologen, Kardiologen, Radiologen und Rheumatologen gefragt. Auch wenn in lokalen Medien immer wieder zu lesen ist, dass die Wartezeiten bei Augenärzten sehr lang seien, so ist der Bedarf in Deutschland –  von Ausnahmen abgesehen – bisher gut gedeckt.

Mehr Augenärzte im Einsatz

Die Anzahl der Augenärzte in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich. Die Bundesärztekammer nennt für 2015 bundesweit 7298 berufstätige Augenärzte, zehn Jahre zuvor waren es nur 6527. Auch die Zahl der jungen Kollegen, die ihre Facharztausbildung zum Augenarzt abschließen, wächst – von 236 im Jahr 2005 auf 276 im Jahr 2015. Der größte Teil der Augenärzte arbeitet im ambulanten Bereich, im Jahr 2015 waren es 6020 Augenärzte.

Vorhandene Strukturen ausbauen

Doch um den wachsenden Bedarf an augenmedizinischen Leistungen zu decken, genügt es nicht, die Zahl der Augenärzte zu erhöhen. Die Betreuung der älteren Patienten erfordert zudem effiziente Strukturen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Dazu gehören Praxen und Augenkliniken mit guter technischer Ausstattung, die eine dem Stand der Wissenschaft entsprechende Diagnostik und Therapie ermöglicht. Zudem setzen Augenärzte verstärkt auf qualifizierte Mitarbeiter, an die sie einfache Tätigkeiten unter Aufsicht delegieren können. Vielfach kooperieren Augenärzte auch mit spezialisierten Kollegen, wenn es um die Betreuung besonderer Fälle geht, die eine tiefergehende Expertise erfordern. Die interdisziplinäre Behandlung von Patienten – beispielsweise von Menschen mit Diabetes oder Rheumatikern, die an einer Uveitis leiden – wird ebenfalls immer wichtiger. Schließlich gilt es Konzepte zu entwickeln, die Menschen mit eingeschränkter Mobilität den Weg in die Augenarztpraxis erleichtern. Die augenärztliche Versorgung der Bewohner von Seniorenheimen scheitert nicht selten am Transport in die Augenarztpraxis. Eine Möglichkeit wäre die Kostenübernahme für Sammeltransporte durch die Krankenkassen. „Hausbesuche“ von Augenärzten in Seniorenheimen sind keine Option, denn für eine qualitativ gute Untersuchung der Augen sind heute zahlreiche Geräte und Apparate notwendig, die den Besuch des Patienten in der Praxis unerlässlich machen.

Die augenärztliche Grundversorgung weiter stärken

Viele Patienten mit chronischen Augenerkrankungen kommen mindestens einmal im Quartal in die Augenarztpraxis, nicht selten sogar noch häufiger. Neben den Untersuchungen nehmen Aufklärung und Beratung dieser Patienten viel Zeit in Anspruch. Damit die Augenheilkunde die Herausforderungen, die der demographische Wandel mit sich bringt, meistern kann, ist eine angemessene Vergütung der augenärztlichen Grundversorgung die wesentliche Voraussetzung. In den vergangenen Jahren hat es hier schon Verbesserungen gegeben, diese Entwicklung muss noch fortgesetzt werden.

Fazit

Die Augenheilkunde erlebt seit einigen Jahren eine Aufwertung. Wie wichtig gutes Sehen für die Lebensqualität ist, erfahren gerade ältere Menschen, wenn ihr Sehvermögen nachlässt. Immer häufiger können Augenärzte dank moderner Untersuchungs- und Behandlungsverfahren das Augenlicht ihrer Patienten bewahren. Die demographische Entwicklung und die neuen Therapiemöglichkeiten sorgen ebenfalls dafür, dass der Bedarf an augenmedizinischen Leistungen stark zunimmt. Darauf gilt es zu reagieren – mit der verstärkten Weiterbildung junger Augenärzte und mit der Schaffung effizienter Strukturen, die eine flächendeckende Versorgung bundesweit sicherstellen.


Prof. Dr. med. Bernd Bertram
1. Vorsitzender des Berufsverbands der Augenärzte Deutschlands e.V.
Tersteegen Str. 12
40474 Düsseldorf
Tel.: 0211/4 30 37 00
Fax: 0211/4 30 37 20
E-mail: bva@augeninfo.de
www.augeninfo.de




[1] 3. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland, Statistisches Bundesamt, destatis.de