Pressekonferenz 2003

Busse

Die Augenheilkunde als interdiszipläres Fach  

Wo durchdringen sich Augenheilkunde und andere medizinische Disziplinen?
Warum ist der Rat des Augenarztes unverzichtbar?


„Das Auge ist zum Sehen da, wozu sonst?“ Dies wäre die typische Antwort, würde man Passanten um ihre Meinung fragen. Aber leider ist das auch die Überzeugung mancher Mediziner, die es während ihres Medizinstudiums versäumt haben, regelmäßig die Vorlesung im Fach Augenheilkunde zu hören. In Wirklichkeit ist das Auge aber ein wichtiger Teil des Gesamtorganismus. Die Untersuchung seiner Funktionen und Gewebestruktur (Morphologie) kann wichtige Hinweise auf Krankheitsprozesse geben, die sich sowohl in der Umgebung des Auges als auch im Gesamtorganismus als Allgemeinerkrankung abspielen. Dabei muss die Sehschärfe gar nicht beeinträchtigt sein.

Das Auge und seine unmittelbare Umgebung  
Das Auge entwickelt sich als eine Ausstülpung des Gehirns, mit dem es durch den Sehnerv verbunden bleibt. Wird das Gehirn von einer Krankheit befallen oder von einem Allgemeinleiden in Mitleidenschaft gezogen, können Augenbefunde zur Frühdiagnose beitragen: Betrachtung der Sehnervenscheibe (Papille) im Augenhintergrund, Überprüfung des Gesichtsfelds, Analyse der Augenbewegungen, Messung der Leitungsgeschwindigkeit vom Sehnerv zum Sehzentrum. Für die Verlaufskontrolle sind sie dann ohnehin unerlässlich. Besonders die Beurteilung des Gesichtsfelds und der Sehnervenscheibe erfordert eine hohe augenärztliche Erfahrung. Die verschiedenartigen Veränderungen der Sehnervenscheibe reichen von einer Schwellung bis zum vollständigen Sehnervenschwund (Atrophie). Auch Krankheiten der Nase und der Nasennebenhöhlen haben oftmals Auswirkungen auf das Sehorgan. Durch Verdrängungsprozesse (Tumoren, Schleimhautbeutel bzw. Mukozelen) können sich die Augäpfel verlagern und Bewegungshemmnisse der Augen auftreten, die unter Umständen Doppelbildwahrnehmungen hervorrufen. Die Ultraschalluntersuchung der Augenhöhle gilt in diesen Fällen als wichtiges diagnostisches Hilfsmittel des Augenarztes.

Auge und Allgemeinleiden  
Neben Krankheiten des zentralen Nervensystems, zu denen die multiple Sklerose gehört, gibt es viele andere Leiden, zu deren Abklärung und Verlaufsbeobachtung wie auch zur Überprüfung des Therapieerfolges die Untersuchung der Augen und ihrer Funktionen beitragen kann. Beispielhaft für Infektionskrankheiten: Bei Aidspatienten sieht der Augenarzt sehr frühzeitig so genannte „Cotton-wool-Herde“ und umschriebene Blutungen. Auch Herpes simplex-Infektionen der Lidhaut, Bindehaut und der Hornhaut, die immer wieder auftreten können, lenken den Verdacht auf die Immunschwäche.
Da der Augenhintergrund der einzige Ort im menschlichen Körper ist, an dem man Gefäße nicht nur betrachten sondern auch beurteilen kann – einschließlich ihrer krankhaften Veränderungen –, spielt diese Untersuchung eine ganz bedeutende Rolle bei Diagnose und Verlaufskontrolle von Herz-Kreislauf- und Gefäßkrankheiten.
Die beiden am meisten verbreiteten Krankheiten dieser Art sind der Bluthochdruck (Hypertonie) und die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus). Etwa fünf Millionen Diabetiker werden z. Zt. in Deutschland behandelt, es ist aber zu befürchten, dass weit mehr Menschen an Diabetes erkrankt sind, es aber noch nicht wissen. Allein die Behandlung diabetischer Spätfolgen kostet pro Jahr zehn Milliarden Euro. Auf die Dauer führt der Diabetes zu Gefäßschäden, deren Ausmaß sich am leichtesten im Augenhintergrund abschätzen lässt. Nach 15 Jahren Krankheitsdauer entsteht bei ca. 30 bis 35 Prozent der Patienten eine diabetische Netzhauterkrankung (diabetische Retinopathie), nach 30 Jahren sind 95 Prozent der Patienten davon betroffen. Der Augenarzt vermag mit dem Ergebnis seiner Untersuchung einerseits das Ausmaß des Gefäßschadens insgesamt aufzuzeigen, andererseits kann nur er beurteilen, welche Therapie erforderlich ist, um eine Erblindung des Patienten zu vermeiden – von der Laserbehandlung bis hin zu größeren operativen Maßnahmen (Glaskörperchirurgie).
Nicht selten zeigt sich eine Zuckerkrankheit durch Netzhautveränderungen dem Augenarzt zuerst, sodass er die Erstdiagnose stellt. Vor allem bei älteren Menschen, die an Diabetes erkranken, treten oft in den ersten Jahren keine auffallenden allgemeinen Symptome auf.
Auch bei Patienten mit Bluthochdruck (arterieller Hypertonie) besteht die Gefahr, dass Gefäßschäden auftreten. Die Komplikationen dieser Krankheit führen zum Herzinfarkt oder zum Schlaganfall – den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Regelmäßige Augenhintergrundkontrollen, wie z.B. bei der Glaukom-Vorsorgeuntersuchung, gewährleisten auch, dass krankhafte Gefäßveränderungen frühzeitig vom Augenarzt erkannt und dann vom Hausarzt, Internisten oder Kardiologen behandelt werden.
Auch hier lässt sich der Therapieerfolg am Auge kontrollieren und beurteilen, da sogar dramatische Netzhautveränderungen bei entsprechender Einstellung des Blutdrucks weit gehend rückbildungsfähig sind.

In jüngster Zeit erregen computergesteuerte Auswertungen von Fotos der Netzhautblutgefäße erhebliche Aufmerksamkeit. Hier wird das Internet zur Ferndiagnose genutzt, wobei nur die Daten des Patienten zur Verfügung stehen – ohne persönlichen Kontakt. Zweifellos bieten sich auf diesem Gebiet Möglichkeiten von hohem wissenschaftlichen Interesse. Die Untersuchung durch den Augenarzt, der den Patienten kennt und den Befund mithilfe eigener langjähriger Erfahrung zu deuten weiß, werden sie nie ersetzen.

Immer wieder hat es in der Medizin Fortschritte gegeben, deren Preis sich später als sehr hoch erwies. Die Behandlung früh geborener Kinder mit hochdosiertem Sauerstoff kostete vielen von ihnen das Augenlicht.
Medikamente wie bestimmte Tuberkulostatika, Antirheumatika, Kortisonpräparate oder Medikamente zur Malaria-Prophylaxe blieben nicht ohne Folgen für die Augen. Hier ist der Augenarzt als Berater fortwährend gefordert.

Dass angeblich nur die Kranken den Arzt benötigen, erwies sich schon für manches ansonsten gesunde Kind als verhängnisvoller Trugschluss.
Zehn Prozent aller Kinder unter vier Jahren sind von einseitiger Schwachsichtigkeit bedroht und wiederum nur ein Zehntel von ihnen fällt bei den gesetzlichen Vorsorgeuntersuchungen auf. Dabei könnte fast allen geholfen werden, wenn sie rechtzeitig dem Augenarzt vorgestellt würden.

Warum ist der Rat des Augenarztes unverzichtbar?
Während von politischer Seite ein völlig unverständlicher Sparzwang bei der medizinischen Versorgung unserer Bevölkerung verlangt wird, propagiert die Regierung gleichzeitig ein Einsparmodell, das – was Früherkennung und Behandlung von Augenkrankheiten betrifft – zu einer Katastrophe für den augenkranken Patienten führen wird: das Hausarztmodell. Durch das Selbstverständnis von der „akademischen Freiheit“ bleibt es heute den Medizinstudenten überlassen, ihre Kenntnisse der Heilkunde vor allem an der Prüfungsordnung zu orientieren und hier spielt das Fach Augenheilkunde leider eine untergeordnete Rolle. Somit kann es nicht verwundern, dass – was Augenkrankheiten anbelangt – das Wissen der Hausärzte als „statistisches Minimum“ bezeichnet werden muss. Dazu fehlen in allgemeinärztlichen Praxen sämtliche Untersuchungseinrichtungen, die notwendig sind, um eine zielsichere Differenzialdiagnose zu stellen. Aus diesem Grund bleibt zu hoffen, dass sich die politischen Kräfte zur Einsicht bekehren lassen und zustimmen, dass alle Sehstörungen, aber auch anscheinend banale Rötungen des Auges, die sich später als schwerer Herpes der Hornhaut erweisen können, vom Augenarzt als Primärarzt untersucht und behandelt werden.

Professor Dr. med. Holger Busse
Direktor der Augenklinik und Augenpoliklinik
der Westfälischen Wilhelms-Universität
Domagkstraße 15
48149 Münster
Tel. 0251-8356004
Fax 0251-8356003